Meine Werte, meine Wurzeln

Meine Werte, meine Wurzeln:
Was uns im Betreuungsalltag trägt

Wer in der Kindertagespflege arbeitet, trägt viel Verantwortung. Für die Kinder, für einen verlässlichen Alltag, für die Zusammenarbeit mit Eltern – und nicht zuletzt für sich selbst.

Dabei sind Kindertagespflegepersonen jeden Tag in ganz unterschiedlichen Rollen unterwegs: als Bezugsperson, pädagogische Fachkraft, Gesprächspartnerin, Selbständige, Organisatorin und gleichzeitig als Privatperson.

Bei so vielen Anforderungen kann eine wichtige Frage schnell in den Hintergrund geraten:

Was trägt eigentlich mich?

 

Unsere Werte sind wie Wurzeln

Ein Baum kann nur dann wachsen und Belastungen standhalten, wenn er gut verwurzelt ist. Dieses Bild lässt sich auch auf unseren beruflichen Alltag übertragen.

Unsere Wurzeln stehen für das, was uns trägt: unsere Werte und Kraftquellen. Der Stamm steht für Stabilität und Schutzfaktoren, die Äste für Anforderungen und Belastungen – und die Krone schließlich für einen möglichst gesunden Betreuungsalltag.

Werte sind dabei eine Art innerer Kompass. Sie zeigen uns, was uns wichtig ist, und beeinflussen unsere Entscheidungen, Erwartungen und Grenzen. Das können zum Beispiel Verlässlichkeit, Geborgenheit, Vertrauen, Wertschätzung, Freiheit, Professionalität, Humor, Sicherheit oder Selbstbestimmung sein.

Es lohnt sich deshalb, sich gelegentlich zu fragen: Welche drei Werte sind für mich besonders wichtig? Wo kann ich sie in meiner Arbeit leben – und wo geraten sie unter Druck?

 

Wenn aus einem Wert ein „Muss“ wird

Unsere Werte geben uns Kraft. Gleichzeitig können gerade die Dinge, die uns besonders wichtig sind, auch zur Belastung werden.

Wer beispielsweise Verlässlichkeit sehr hoch bewertet, möchte andere vielleicht möglichst nicht enttäuschen. Aus dem hilfreichen Gedanken „Ich möchte verlässlich sein“ kann irgendwann ein starrer Anspruch werden: „Ich darf niemanden enttäuschen.“

Und genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn nicht der Wert selbst ist das Problem. Belastend kann es werden, wenn daraus ein inneres Muss entsteht und die eigenen Grenzen immer weiter nach hinten rücken.

Eine hilfreiche Frage lautet deshalb:

Wann wird die Stärke eines meiner Werte zur Belastung?

 

Wie voll ist mein persönlicher Energie-Akku?

Nicht jede Belastung lässt sich vermeiden. Lärm, Zeitdruck, schwierige Gespräche, Bürokratie, fehlende Pausen oder hohe eigene Ansprüche gehören für viele Menschen zum Arbeitsalltag.

Deshalb hilft es, den eigenen Energiehaushalt bewusster wahrzunehmen. Mit wie viel „Akku“ starte ich morgens? Was zieht mir im Laufe des Tages Energie? Was lädt mich wieder auf? Und wie viel ist am Abend noch übrig?

Dabei gibt es keine allgemeingültige Liste. Was für eine Person belastend ist, kann eine andere kaum beschäftigen. Entscheidend ist die eigene Wahrnehmung.

Ebenso individuell sind unsere Energiegeber: gelungene Momente mit Kindern, Humor, Bewegung und frische Luft, verlässliche Routinen, klare Absprachen, kollegialer Austausch oder eine bewusst eingelegte Pause können dazu beitragen, den eigenen Akku wieder aufzuladen.

 

Stress möglichst früh erkennen

Belastung kündigt sich häufig an. Der Körper wird angespannter, Gedanken kreisen, die Konzentration lässt nach oder wir werden schneller gereizt. Vielleicht lassen wir Pausen aus, ziehen uns zurück oder schlafen schlechter.

Solche Warnsignale sind individuell und nicht als Diagnose zu verstehen. Sie können uns aber helfen, unsere persönlichen Muster früher wahrzunehmen.

Ein hilfreiches Bild dafür ist die persönliche Stressampel:

Grün: Woran merke ich, dass es mir gut geht?
Gelb: Was sind meine ersten Warnzeichen?
Rot: Woran erkenne ich, dass meine Grenze erreicht ist?

Besonders wichtig ist dabei der gelbe Bereich. Denn je früher ich bemerke, dass etwas kippt, desto größer ist mein Handlungsspielraum.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht erst: „Was mache ich, wenn gar nichts mehr geht?“, sondern:

Was kann ich bereits bei Gelb tun?

 

Selbstfürsorge ist mehr als Wellness

Bei Selbstfürsorge denken wir schnell an Entspannung, Freizeit oder vielleicht ein schönes Bad nach einem anstrengenden Tag. Das kann guttun – greift im beruflichen Alltag aber zu kurz.

Selbstfürsorge kann auch heißen, tatsächlich eine Pause zu machen. Nicht jederzeit erreichbar zu sein. Ein schwieriges Thema anzusprechen. Unterstützung anzunehmen. Den eigenen Anspruch von „perfekt“ auf „gut genug“ zu verändern. Oder den Arbeitstag bewusst zu beenden.

Daneben gibt es viele weitere Schutzfaktoren: soziale Unterstützung, Erholung, Selbstwirksamkeit, Struktur, Bewegung, Humor, realistische Ansprüche sowie Sinn und Werte.

Dabei geht es nicht darum, überall perfekt aufgestellt zu sein. Schutzfaktoren sind vielmehr ein persönliches Netz, das uns auffangen und stabilisieren kann.

 

Grenzen schützen nicht nur mich

Gerade in einem Beruf, der von Beziehungen geprägt ist, fällt es manchmal schwer, Grenzen zu setzen. Schließlich möchte niemand unfreundlich, unflexibel oder wenig verständnisvoll wirken.

Doch eine klare Grenze muss keine Abgrenzung vom anderen Menschen bedeuten.

Im Gegenteil: Eine klare Grenze kann eine Beziehung schützen.

 

Nicht alles liegt in meiner Hand

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Frage: Wo habe ich überhaupt Einfluss?

Auf manche Dinge können wir direkt einwirken – beispielsweise auf unsere Pausen, unsere Erreichbarkeit, unsere Kommunikation oder Teile unserer Tagesstruktur. Andere Bereiche können wir nur teilweise beeinflussen, etwa die Zusammenarbeit mit Eltern oder die Gruppendynamik. Und wiederum anderes liegt nicht direkt in unserer Hand: Krankheit, behördliche Vorgaben oder unerwartete Ereignisse.

Das zu unterscheiden, kann entlastend sein.

Denn manchmal verbrauchen wir sehr viel Energie mit Dingen, die wir kaum verändern können – während kleine Handlungsmöglichkeiten im eigenen Einflussbereich ungenutzt bleiben.

 

Mein persönlicher Notfallkoffer

Wenn wir unsere Warnsignale kennen, können wir uns schon in ruhigeren Zeiten überlegen, was uns in belastenden Momenten hilft.

Dafür eignet sich ein persönlicher „Notfallkoffer“ mit einfachen Wenn-dann-Sätzen:

Wenn ich merke, dass ich zunehmend gereizt werde, dann nehme ich mir zehn Minuten echte Ruhe, statt sofort die nächste Aufgabe zu beginnen.

Je konkreter eine solche Handlung formuliert ist, desto leichter lässt sie sich im entscheidenden Moment abrufen.

Es geht dabei nicht um große Lösungen. Oft sind es kleine Unterbrechungen eines gewohnten Musters, die einen Unterschied machen.

 

Nicht 100 Prozent – sondern vielleicht 1 Prozent

Gesünder und stabiler durch den Betreuungsalltag zu gehen bedeutet nicht, ab morgen alles anders machen zu müssen.

Was tut mir bereits gut und soll bleiben? Wovon möchte ich weniger? Wovon wünsche ich mir mehr? Und womit kann ich ganz konkret beginnen?

Der nächste Schritt sollte nicht möglichst beeindruckend sein. Er sollte klein genug sein, dass er tatsächlich in meinen Alltag passt.

Vielleicht ist es eine echte Pause. Eine klarere Abholzeit. Das Handy nach Feierabend nicht mehr für berufliche Nachrichten zu nutzen. Ein Gespräch, das schon länger ansteht. Zehn Minuten Bewegung. Oder schlicht die Entscheidung, früher auf das eigene „Gelb“ zu hören.

 

Zurück zu den eigenen Wurzeln

Am Ende führt der Weg wieder zum Anfang zurück: zu den eigenen Wurzeln.

Was sind meine wichtigsten Werte? Welche Warnsignale kenne ich von mir? Was gibt mir Kraft? Welche Grenze möchte ich besser schützen? Und was ist mein nächster kleiner Schritt?

Gesund und stabil im Betreuungsalltag zu sein bedeutet nicht, dass Belastungen verschwinden oder künftig alles reibungslos läuft.

Es bedeutet vielmehr, sich selbst im Alltag nicht aus dem Blick zu verlieren.

 

Oder:
Stabilität entsteht nicht dadurch, dass nichts mehr schwierig ist. Sondern dadurch, dass ich früher merke, was ich brauche – und danach handeln kann.

 

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