Wenn aus kleinen Reibereien ein großes Thema wird
Wenn Kindertagespflegepersonen zu zweit in anderen geeigneten Räumen arbeiten
Eigentlich klang es nach einer richtig guten Idee: Zu zweit in anderen geeigneten Räumen arbeiten, sich austauschen, nicht den ganzen Tag allein sein und sich im Alltag gegenseitig unterstützen.
Und meistens funktioniert das auch.
Bis zu diesem einen Satz.
„Könntest du bitte darauf achten, dass du nach dem Essen auch mal den Tisch abwischst?“
@cottonbro studio - Pexels
Oder: „Du bist aber heute schon wieder spät.“
Oder besonders schön: „Also, ich mache das mit meinen Kindern anders.“
Willkommen in einem Thema, über das häufig erst gesprochen wird, wenn die Stimmung bereits ziemlich angespannt ist: Konflikte unter Kindertagespflegepersonen.
Denn wer gemeinsam arbeitet, teilt nicht nur Räume.
Man teilt einen Alltag.
Und genau dort kann es knirschen.
"Wir verstehen uns doch gut!"
Das ist schon einmal eine hervorragende Voraussetzung.
Aber leider noch kein pädagogisches Konzept und erst recht keine Vereinbarung darüber, wer montags den Biomüll rausbringt.
Wenn zwei Kindertagespflegepersonen gemeinsam Räume nutzen, treffen zwei Persönlichkeiten aufeinander. Dazu kommen unterschiedliche Erfahrungen, Vorstellungen von Pädagogik, Bedürfnisse nach Ordnung, Erwartungen an Verlässlichkeit und ganz persönliche Grenzen.
Die eine findet es wichtig, dass nach dem Frühstück sofort aufgeräumt wird.
Die andere denkt: „Das mache ich später. Jetzt brauchen mich die Kinder.“
Die eine plant gerne zwei Wochen im Voraus.
Die andere entscheidet morgens, ob heute Wald, Spielplatz oder Basteln angesagt ist.
Die eine sagt sofort, wenn sie etwas stört.
Die andere sagt:
„Nein, nein, alles gut.“
Es ist aber nicht alles gut.
Und drei Wochen später geht es plötzlich erstaunlich emotional um eine falsch eingeräumte Spülmaschine.
Das Problem ist dann selten die Spülmaschine.
Gleiche Räume bedeuten nicht automatisch gleiche Vorstellungen
Gerade am Anfang einer Zusammenarbeit sprechen wir gerne über die großen Dinge:
Wie sollen die Räume aussehen?
Welche Anschaffungen brauchen wir?
Wie gestalten wir den Tagesablauf?
Welche pädagogischen Vorstellungen haben wir?
Mindestens genauso wichtig sind aber die vermeintlichen Kleinigkeiten.
Wer räumt wann auf?
Wer kauft Verbrauchsmaterialien?
Wie werden gemeinsame Kosten aufgeteilt?
Wie sauber müssen die Räume am Ende des Tages sein?
Wer spricht mit Eltern, wenn etwas beide betrifft?
Wie gehen wir mit Krankheit, Urlaub oder kurzfristigen Veränderungen um?
Was wird gemeinsam entschieden – und was entscheidet jede Kindertagespflegeperson für sich?
Und eine besonders wichtige Frage:
Was erwarten wir eigentlich voneinander?
Viele Konflikte entstehen nicht, weil jemand absichtlich rücksichtslos handelt.
Sie entstehen, weil zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was „selbstverständlich“ ist.
Nur leider hat die Kollegin die eigene Ausgabe des Handbuchs „Was für mich selbstverständlich ist“ nicht bekommen.
„Mich stört da etwas …“
Eigentlich ein einfacher Satz.
In der Praxis erstaunlich schwer.
Schließlich sieht man sich morgen wieder.
Und übermorgen.
Und am Tag danach auch.
Also sagt man erst einmal nichts.
Dann ärgert man sich.
Dann erzählt man vielleicht zu Hause davon.
Dann ärgert man sich noch ein bisschen mehr.
Und irgendwann kommt der Moment, in dem die Kollegin völlig harmlos fragt:
„Ist noch Kaffee da?“
Und man möchte antworten:
„Darum geht es doch überhaupt nicht!“
Je länger Ärger liegen bleibt, desto größer wird er häufig.
Deshalb lohnt es sich, kleine Irritationen anzusprechen, bevor daraus eine Grundsatzdebatte über den Charakter der Kollegin wird.
Beobachtung oder Urteil?
Ein hilfreicher Unterschied in Konfliktgesprächen ist der zwischen Beobachtung und Bewertung.
„Du lässt immer alles liegen.“
ist eine Bewertung.
„Mir ist aufgefallen, dass ich diese Woche an drei Tagen nach unserem gemeinsamen Mittagessen allein Küche und Essbereich aufgeräumt habe.“
ist eine konkrete Beobachtung.
„Auf dich kann man sich einfach nicht verlassen.“
ist ein Urteil.
„Wir hatten vereinbart, dass du Dienstag und Donnerstag um 7:30 Uhr da bist. An beiden Tagen bist du nach 8 Uhr gekommen und ich wusste vorher nicht, dass du später kommst.“
ist konkret.
Je konkreter wir werden, desto eher können wir über eine Situation sprechen.
Je allgemeiner wir werden, desto schneller sprechen wir plötzlich über die Persönlichkeit des anderen.
Und dann wird aus:
„Wie teilen wir diese Aufgabe besser auf?“
sehr schnell:
„Du bist eben so.“
Damit lässt sich kaum noch konstruktiv arbeiten.
Nicht vor den Kindern – und möglichst auch nicht zwischen Tür und Angel
Im Alltag entstehen Konflikte natürlich genau dort: im Alltag.
Trotzdem müssen sie nicht dort geklärt werden.
Ein genervtes:
„Musst du das jetzt schon wieder so machen?“
während fünf Kinder danebenstehen, ist selten der Beginn eines großartigen Klärungsgesprächs.
Besser:
„Ich würde darüber gerne später in Ruhe mit dir sprechen.“
Das ist kein Aufschieben.
Es ist professionell.
Denn Konflikte brauchen einen Rahmen, in dem beide sprechen können, ohne gleichzeitig Brotdosen zu öffnen, Nasen zu putzen und einen Streit um den roten Bagger zu begleiten.
Eine einfache Formel für schwierige Gespräche
Wenn du nicht weißt, wie du ein Thema ansprechen sollst, kann diese Reihenfolge helfen:
Beobachtung – Wirkung – Wunsch – Vereinbarung
Zum Beispiel:
„Mir ist aufgefallen, dass gemeinsame Einkäufe in letzter Zeit meistens bei mir hängen bleiben.“
Beobachtung.
„Ich merke, dass mich das zunehmend ärgert, weil ich das Gefühl bekomme, für diesen Bereich allein verantwortlich zu sein.“
Wirkung.
„Ich möchte, dass wir diese Aufgabe wieder gleichmäßiger verteilen.“
Wunsch.
„Lass uns festlegen, wer in welcher Woche dafür zuständig ist.“
Vereinbarung.
Das klingt vielleicht zunächst etwas formell.
Aber es ist deutlich hilfreicher als:
„Ich muss hier ja sowieso alles alleine machen.“
Wenn es um die Kinder geht, wird es besonders schwierig
Ein liegen gelassener Putzlappen ist das eine.
Unterschiedliche pädagogische Vorstellungen sind etwas anderes.
Vielleicht greift deine Kollegin in Situationen ein, in denen du einem Kind noch Zeit geben würdest.
Vielleicht setzt sie Grenzen anders.
Vielleicht spricht sie in einem Ton mit einem Kind, den du schwierig findest.
Oder sie kommentiert vor den Kindern deine Entscheidung:
„Ach, bei mir dürfte er das jetzt.“
Das kann schnell persönlich werden, weil die eigene pädagogische Arbeit eng mit der eigenen professionellen Haltung verbunden ist.
Gerade deshalb lohnt es sich, nicht darüber zu streiten, wer die bessere Kindertagespflegeperson ist.
Sprecht stattdessen über konkrete Situationen.
Was ist passiert?
Wie hast du die Situation wahrgenommen?
Warum hast du so gehandelt?
Wie hat die Kollegin sie wahrgenommen?
Welche gemeinsame Linie braucht ihr?
Und wo darf es Unterschiede geben?
Denn Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass zwei Menschen pädagogisch identisch handeln müssen.
Kinder können durchaus erleben, dass Erwachsene unterschiedlich sind.
Problematisch wird es dort, wo Regeln widersprüchlich werden, Erwachsene sich gegenseitig vor den Kindern korrigieren oder ein Kind nicht mehr weiß, woran es ist.
„Das sind deine Kinder – das sind meine Kinder“
Wenn zwei Kindertagespflegepersonen in gemeinsamen Räumen arbeiten, ist noch etwas besonders wichtig: Nähe und Zuständigkeit müssen zusammenpassen.
Im Alltag erlebt man sich schnell als eine gemeinsame Gruppe.
Trotzdem sollte klar sein, wer für welche Kinder verantwortlich ist und welche Absprachen für die konkrete Form der Kindertagespflege gelten.
Gerade deshalb sollten Konflikte nicht dadurch gelöst werden, dass Zuständigkeiten im Alltag immer weiter verschwimmen.
„Mach du mal eben.“
„Kannst du das schnell übernehmen?“
„Du bist ja sowieso da.“
Solche Sätze können praktisch sein.
Wenn aus gelegentlicher Unterstützung aber eine dauerhafte Erwartung wird, entsteht schnell Frust.
Deshalb ist eine wichtige Frage:
Was ist kollegiale Unterstützung – und was wird stillschweigend zur Aufgabe der anderen Person?
Darüber sollte man sprechen, bevor sich eine der beiden ausgenutzt fühlt.
Vorsicht vor dem Punktekonto im Kopf
„Ich habe gestern die Küche gemacht.“
„Dafür habe ich letzte Woche eingekauft.“
„Aber ich habe dreimal den Müll runtergebracht.“
„Ja, aber ich habe dafür …“
Wenn wir anfangen, innerlich Punkte zu zählen, ist meistens schon etwas aus dem Gleichgewicht geraten.
Natürlich muss Zusammenarbeit fair sein.
Fair bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass jeden Tag jede Aufgabe exakt 50:50 verteilt wird.
Entscheidend ist vielmehr, ob beide langfristig das Gefühl haben:
Unsere Zusammenarbeit ist ausgewogen.
Wenn dieses Gefühl verloren geht, sollte darüber gesprochen werden.
Nicht erst nach Punktestand 48 zu 17.
Regelmäßige Teamgespräche sind keine Zeitverschwendung
„Wir sehen uns doch jeden Tag.“
Ja.
Aber das ist noch kein Teamgespräch.
Gerade wenn zwei Kindertagespflegepersonen eng zusammenarbeiten, kann ein fester Termin enorm hilfreich sein.
Vielleicht einmal im Monat.
Eine halbe Stunde kann schon reichen.
Was läuft gerade gut?
Was beschäftigt uns?
Gibt es Situationen mit Kindern, die wir besprechen sollten?
Funktioniert unsere Aufgabenverteilung noch?
Gibt es organisatorische Veränderungen?
Was brauchen wir voneinander?
Und auch:
Gibt es etwas, das gerade zwischen uns steht?
Solche Gespräche wirken vielleicht unnötig, solange alles gut läuft.
Genau dann sind sie besonders wertvoll.
Denn Konfliktkultur entsteht nicht erst im Konflikt.
Wenn wir uns nicht einigen können
Nicht jeder Konflikt lässt sich bei einer Tasse Kaffee lösen.
Manchmal sind Positionen festgefahren.
Manchmal fühlt sich eine Person dauerhaft übergangen.
Manchmal werden Vereinbarungen immer wieder nicht eingehalten.
Und manchmal ist die Beziehung bereits so belastet, dass jedes neue Problem sofort mit zehn alten Problemen verbunden wird.
Dann kann Unterstützung von außen sinnvoll sein.
Eine Fachberatung oder eine andere geeignete neutrale Person kann helfen, den Konflikt zu sortieren und wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.
Das ist kein Scheitern.
Im Gegenteil.
Professionell zu arbeiten bedeutet nicht, jeden Konflikt allein lösen zu müssen.
Es bedeutet auch zu erkennen, wann man Unterstützung braucht.
Und wenn es einfach nicht mehr passt?
Auch das kann passieren.
Menschen verändern sich.
Lebenssituationen verändern sich.
Pädagogische Vorstellungen entwickeln sich weiter.
Eine Zusammenarbeit, die drei Jahre wunderbar funktioniert hat, kann irgendwann nicht mehr passen.
Nicht jede berufliche Zusammenarbeit muss für immer bestehen.
Bevor eine Trennung im Raum steht, lohnt sich eine ehrliche Frage:
Haben wir wirklich versucht, unseren Konflikt zu lösen – oder haben wir hauptsächlich versucht, ihn auszuhalten?
Denn Aushalten ist keine Konfliktlösung.
Gute Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass es keinen Streit gibt
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke:
Ein gutes Team erkennt man nicht daran, dass es niemals Konflikte gibt.
Wo Menschen eng zusammenarbeiten, wird es unterschiedliche Bedürfnisse, Meinungen und Vorstellungen geben.
Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.
Können wir sagen, wenn uns etwas stört?
Können wir zuhören, wenn die Kollegin etwas an unserem Verhalten kritisiert?
Können wir unterscheiden zwischen:
„Du machst das anders als ich“
und
„So können wir nicht gut zusammenarbeiten“?
Und schaffen wir es, nach einem Konflikt wieder gemeinsam am Frühstückstisch zu sitzen, ohne dass die Butterdose zum Stellvertreter für sämtliche ungelösten Probleme der vergangenen sechs Monate wird?
Dann ist schon ziemlich viel gewonnen.
Denn eine gute Zusammenarbeit braucht nicht zwei Menschen, die immer einer Meinung sind.
Sie braucht zwei Menschen, die bereit sind, miteinander zu reden, Vereinbarungen zu treffen, Grenzen zu respektieren und Konflikte nicht unter den Teppich zu kehren.
Wobei …
wenn eine Kollegin regelmäßig für das Staubsaugen zuständig ist, sollte man vielleicht auch dort gelegentlich nachsehen.