Die "Probezeit" in der Kindertagespflege

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Die "Probezeit" in der Kindertagespflege

12. June 2020

Am Dienstag habe ich dir die Elfriede vorgestellt, die unbedingt gleich und sofort in die Kindertagespflege will und der Meinung ist, dass sie keine Eingewöhnungszeit braucht.

Dass ich anderer Meinung bin, habe ich ja schon durchklingeln lassen.

Hier kannst du lesen, wie ich tatsächlich über die "Probezeit" in der Kindertagespflege denke.

Ich gebe zu, es ist ungewöhnlich, dass Kinder drängeln, aber dass Eltern auf die Eingewöhnungszeit verzichten möchten, ist durchaus nichts, was dir fremd sein wird. Falls du noch ganz am Anfang stehst und noch nicht so viele Eingewöhnungen durchgeführt hast, stelle dich darauf ein, dass diese Frage/Bitte kommen wird.

Eltern haben es oft eilig, nicht weil sie unbedingt ihr Kind abgeben wollen, sondern weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zurück zur Arbeit sollen oder eine Ausbildung aufnehmen wollen oder Studieren gehen wollen oder was auch immer. Sicherlich gute Gründe. Aber bitte nicht für dich!

Du verzichtest bitte nicht auf die Eingewöhnungszeit. Sie ist die Basis für die Beziehung zwischen dir und dem Kind. Sie legt den Grundstein für eine vertrauensvolle Betreuung. Sie ist deine Probezeit, um dich zu prüfen, ob du mit dem Kind und den Eltern arbeiten möchtest.

Doch der Reihe nach. Ich merke, wie schon wieder die Pferde mit mir durchgehen und ich alles auf einmal sagen, äh, schreiben will.

Also, warum ist die Eingewöhnung so wichtig?

Ich schaue mir das Thema heute aus zwei verschiedenen Blickwinkeln an. Einmal aus deiner Sicht, der Kindertagespflegeperson. Und einmal aus der Sicht des Kindes.

Ich beginne mit dir.

Nutze diese Zeit, um die Familie, mit der du über einen längeren Zeitraum zusammen arbeiten wirst, intensiv kennen zu lernen. Führe schon vor der eigentlichen Eingewöhnungsphase Gespräche mit den Eltern. Ich empfehle dir, mindestens zwei Gespräche zu führen. Das erste Kennenlernen findet bei dir, in deiner Kindertagespflegestelle statt. Die Eltern kommen, bringen das Kind mit, schauen sich alles an. Du zeigst die Räumlichkeiten. Ihr lernt euch kennen. Du stellst deine Philosophie, deine Schwerpunkte, deine Konzeption, mit allen Rahmenbedingungen vor. Die Eltern erzählen von sich, was ihnen wichtig ist, was sie sich wünschen. So kannst du schon sehen, ob ihr  auf einer Wellenlänge seid, ob ihr ähnliche Erziehungsvorstellungen habt, ob eine Zusammenarbeit möglich ist.

Wichtig in dieser Phase ist, dass du vorbereitet bist, dir überlegt hast, was du wissen möchtest bzw. erzählen möchtest. Eltern, vor allem, wenn sie ihr erstes Kind abgeben, wissen oft nicht, was sie sagen oder fragen sollen. Es ist deine Aufgabe, hier als Profi zu agieren und das Gespräch zu führen.

So machst du den Eltern den Einstieg leicht, einerseits. Andererseits ist so gewährleistet, dass du genau die Infos bekommst, die du haben willst oder brauchst.

Das zweite Gespräch, um die Konzeption und den Vertrag zu besprechen, würde ich im Haushalt der Eltern führen. Frag sie, ob sie einverstanden sind, wenn du zu ihnen nach Hause kommst. Begründe es damit, dass es dich interessiert, wie sie leben, um noch mehr über das Kind zu erfahren, um besser auf das Kind eingehen zu können.

Glaub mir, du kannst nie mehr mehr über die Familie lernen als bei diesem Besuch. Stell dir vor, du kommst rein, der Fernseher plärrt, überall liegt Zeug herum, die Küche ist nicht aufgeräumt, es herrscht Chaos in allen Ecken. Die Familie „spricht“ schreiend miteinander. Auch beim Gespräch wird der Fernsehen weder leise gedreht noch ausgeschaltet. Das spricht doch Bände, oder?

Natürlich gibt es auch positive Eindrücke, die du bei so einem Gespräch sammeln kannst und darauf kommt es ja an. Trau dich und probiere es aus.

Bei diesem zweiten Gespräch besprichst du dann den Vertrag und die Konzeption in allen Einzelheiten mit den Eltern. Gehe wirklich beide Unterlagen Satz für Satz mit den Eltern durch. Mache nicht den Fehler, den Eltern die Unterlagen zu übergeben, mit der Bitte, sie sollen es zu Hause zu lesen. Sie werden es nicht tun oder nur in den seltensten Fällen.

Also sorge dafür, dass sie die Informationen aus dem Vertrag und der Konzeption bekommen.

Nur so wird es nach kürzester Zeit keine Situationen geben in denen die Eltern behaupten können „Das haben wir nicht gewusst“ oder „Das haben wir uns aber ganz anders vorgestellt“.

Achte bei den Gesprächen mit den Eltern, ob du ein gutes Gesprächs-Gefühl hast. Sprichst du gerne mit den Eltern? Sind sie dir sympathisch?

Einige dich mit den Eltern in diesen Gesprächen, wer die Eingewöhnung durchführen wird. Bestehe darauf, dass es von einer Person durchgeführt wird. Nur so kannst du gewährleisten, dass Verlässlichkeit für dich und das Kind entsteht.

Bespreche auch die Vorgehensweise der Eingewöhnungsphase ganz genau mit dem Elternteil. Teile der Mutter oder dem Vater mit, welche Aufgabe sie wann haben. Sie fühlen sich sonst oft verloren und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Auch das ist die Aufgabe des Profis, nämlich deine. Sag der Mutter beispielsweise, sie solle eine Zeitschrift mitbringen, in der sie blättern kann. Zeige ihr, wenn sie wann mit dem Kind da ist, wo sie sich hinsetzen kann, wann sie sich zurück ziehen soll, sag ihr, wann sie in der Zeitschrift lesen oder blättern soll…. So ist sie anwesend, das Kind sieht sie, kann ggf. auf sie zurück greifen. Gleichzeitig ist sie aber beschäftigt, das Kind kann sich auf das Spiel konzentriere oder je nach Phase der Eingewöhnung, dir zuwenden.

Gebe den Eltern während der Eingewöhnungszeit Aufgaben. Bitte sie zu der und der Uhrzeit zu kommen und prüfe, ob sie pünktlich sind. Bitte sie, Hygieneartikel für das Kind mitzubringen. Prüfe, ob die Gegenstände tatsächlich zum vereinbarten Zeitpunkt da sind oder ob die Eltern die Aufgabe mehrmals vergessen. Wenn du in der Loslöse-Phase bist und die Mutter bzw. den Vater „einmal um den Block schickst“, prüfe, ob sie zur vereinbarten Zeit zurück sind, zu früh oder zu spät kommen.

Das sind alles wichtige Kriterien für eine gelingende Zusammenarbeit. Nutze diese Zeit.

Nun zum Kind. Was braucht das Kind in der Eingewöhnungszeit? Verlässlichkeit und Klarheit!

Wer hat die Aufgabe dafür zu sorgen, dass es das bekommt? DU!

Mehr ist es nicht.

Los geht’s.

Den ersten Teil haben wir gerade besprochen. Bereite die Eltern entsprechend vor.

Deine Aufgabe ist es nun, dafür zu sorgen, dass du dich voll und ganz auf das Kind konzentrieren kannst. Plane eine Eingewöhnung nur dann, wenn die Gruppe läuft und nicht noch andere Schwierigkeiten zu bewältigen sind. Bestelle die Familie zur Eingewöhnung in den Tagesphasen, in denen du dir Zeit für sie nehmen kannst. Multitasking ist hier nicht angesagt.

Mach dich fit im Berliner Modell. Kenne die Phasen in- und auswendig, mach dir vorher Gedanken, wie diese einzelnen Phasen für dich in der Praxis aussehen sollen. Weiche nicht davon ab. Lass dir und dem Kind Zeit. Dann geht nichts schief. Das Berliner Modell ist so erprobt und sicher, dass du nichts falsch machen kannst.

Sollte die Eingewöhnung nicht gelingen, liegt meist an den Eltern, die eventuell (noch) nicht loslassen können. Dann sind Gespräche angesagt. Hierzu an anderer Stelle mehr.

Wie du siehst, die eigentliche Aufgabe ist, die Eltern entsprechend vorzubereiten und einzustimmen, dann läuft es mit dem Kind nahezu alleine. Deshalb nimm dir am Anfang Zeit, überstürze nichts und im Zweifel lass die Finger vom Betreuungsverhältnis.

Die meisten Betreuungsverhältnisse scheitern, weil die Kindertagespflegepersonen am Anfang nicht auf eine ausführliche und umfängliche Eingewöhnungszeit bestehen. Und damit meine ich nicht nur die eigentliche Eingewöhnung des Kindes nach dem Berliner Modell, sondern Kennenlernen, Vertrags- und Konzeptionsgespräche plus Eingewöhnung.

Jetzt wünsche ich dir viel Erfolg für deine Eingewöhnungen. Melde dich gerne, wenn du Fragen hast oder andere Anmerkungen.

Liebe Grüße, deine Manuela von HintzumErfolg!

 

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